Schlechter Journalismus II

Ich bin überzeugter taz Leser und sogar Genossenschaftsmitglied. Der Artikel von Christian Füller, erschienen in der taz vom Dienstag, den 1. November 2004, hat mich jedoch zur Weißglut gebracht…

Ein Leserbrief:

Lieber Christian Füller, liebe taz,

im Artikel “Kultusminister wie die drei Affen”, erschienen am 1. November 2005, versucht ihr über die Auswertung der neuesten PISA-Studie zu berichten. Dies geht jedoch leider journalistisch massiv daneben:


Die deutschen Schulen sind ungerecht – und es wird immer ungerechter.

Die neueste Pisa-Veröffentlichung zeigt, dass die Schulen zwischen Konstanz und Kiel Bildungserfolg und Karrierechance zuvörderst nach dem überkommenen Prinzip von Herkunft verteilen. Vereinfacht gesagt: haben die Tochter einer Friseurin und die einer Ärztin den exakt gleichen Intelligenzquotienten und präsentieren sich im Unterricht gleich stark, dann hat dennoch die höhere Tochter eine viermal so hohe Chance, aufs
Gymnasium zu kommen. Bildung nach dem Standesprinzip.

Was Ihr da schreibt ist nicht nur journalistisch schlecht, da polemisch-populistisch, sondern in der Sache eklatant falsch. Die Selektion nach Herkunft ist sekundärer Natur. Es gibt keine Bildung nach einem Standesprinzip in dessen Folge die Tochter einer Friseurin bei gleichen Fähigkeiten schlechter wegkäme als die einer Ärztin. Tatsache jedoch und gleichzeitig das eigentliche Problem ist: Die Tochter einer Friseurin hat bei gleichen (biologischen) Grundvorraussetzung im Durchschnitt schlechtere Präsentationsfähigkeiten und Methodenkompetenz als die einer Ärztin!

Hier lohnt es sich nun, nach den Ursachen zu fragen. Die sind zweierlei Natur: Zum einen wird in der Schule nicht genug getan, um elternhausbedingte Unterschiede der Bildungsrahmenbedingungen auszugleichen und Kinder aus “bildungsfernen” Schichten geziehlt zu fördern. Zum anderen stehen wir vor einem tieferen gesamtgesellschaftlichen Problem: Wieso gelingt es der Politik nicht, die Bedeutung von Bildung als (einzig verbliebene, gar wachstumsbedingende) Ressource in das Bewusstsein der Gesamtgesellschaft zu hämmern? Es kann nicht sein, dass wir in jedem Kinderzimmer einen Fernseher, aber gleichzeitig Erstklässler mit dem Sprachniveau von Dreijährigen haben (Renate Künast). Selbst der Friseurin muss klar sein, dass letztlich Bildung – und sei es nur das kompetente Beherrschen der Sprache in Wort und Schrift – die wichtigste Zukunftsinvestition ist, die sie ihren Kindern mitgeben kann. Das vorherrschende Paradigma der Mittelmäßigkeit (bloß nicht auffallen, bloß kein Streber sein) muss durch eine positive Sicht von Bildung, dem Streben nach Wissen und akademischer Leistung im Bewusstsein der Menschen ersetzt werden. Nur dann können wir dorthin gelangen, wo etwa Frankreich, Schweden, Norwegen und Finnland schon lange sind. Dort gehen die Arbeiter in die Oper. Hier lesen sie Bild.

Herzlichst

Euer Christian

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  1. Thomas’s avatar

    Es tut mir Leid, dein positives Bild von Skandinavien ankratzen zu müssen, aber es gibt hier sehr wohl vielgekaufte (von lesen kann kaum die Rede sein) Zeitungen auf BILD-Niveau. Ausserdem habe ich schon einige Male Ressentiments und ernsthaft abfällige Urteile von Nicht-Studenten gegenüber Studenten vernommen. Dies kann durchaus an Uppsala mit seinem hohen Studentenanteil liegen, generell glaube ich aber, dass die Unterschiede kleiner sind als allgemein angenommen.

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  2. Christian’s avatar

    Laut Pisa/OECD Studien ist Bildung in Scandinavien oder eben auch in Frankreich – on average – viel tiefer in der Gesellschaft verankert als hier (Uni-Absolventenquote; schwache Abhaengigkeit von Bildungserfolg und Herkunft etc.). Dass es Ressentiments in Studi-dominierten Staedten gibt, schliesst das ja nicht aus. Statistik halt.

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  3. Thomas’s avatar

    Nachtrag: Ich dachte natürlich auch zuerst, dass der Autor dieses Artikel das Ergebnis missverstanden hat und dass die Leistungen mit der Herkunft korrelieren und damit, wer aufs Gymnasium geht. Damit wäre es ein sekundärer Effekt, wie du schreibst.

    Anscheinend gibt es aber wirklich einen primären Zusammenhang, dass also bei wirklich gleicher Leistung der “Stand” der Eltern eine grosse Rolle spielt. Zumindest schreibt die ZEIT:

    Und das Kind eines Professors hat – bei gleicher Schulleistung in der vierten Klasse! – eine rund viermal so große Chance, aufs Gymnasium zu wechseln, wie das Kind eines Facharbeiters.

    Vielleicht sollten wir die PISA Studie selbst lesen, anstatt auf Informationen aus zweiter Hand zu vertrauen. :-)

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